Design-for-Manu­fac­tu­ring

Wie gutes Engi­nee­ring in der Medi­zin­technik die Zulas­sung beschleu­nigt

Wer ein Medi­zin­pro­dukt entwi­ckelt, kennt das Gefühl: Ein Prototyp funk­tio­niert einwand­frei und dann beginnt die eigent­liche Arbeit. Ferti­gungs­frei­gaben, Risi­ko­ana­lysen, tech­ni­sche Doku­men­ta­tion nach MDR. Oft erzwingen Desi­gnent­scheide, die früh im Prozess getroffen wurden, mona­te­lange Umwege. Dabei liesse sich vieles davon durch konse­quentes Design-for-Manu­fac­tu­ring (DfM) von Beginn an verhin­dern.

Bei forms­cope haben wir in den letzten Jahren mehrere Medi­zin­pro­dukte von diagno­s­ti­schen Geräten bis hin zu chir­ur­gi­schen Instru­menten, von der Idee bis zur Seri­en­reife begleitet. Eine Beob­ach­tung zieht sich durch fast jedes Projekt: Je früher DfM-Prin­zi­pien in das Produkt­de­sign einfliessen, desto glatter läuft die Zulas­sungs­vor­be­rei­tung nach MDR und FDA.

Was Design-for-Manu­fac­tu­ring für Medi­zin­pro­dukte konkret bedeutet

DfM ist keine Check­liste – es ist eine Denk­weise. Es geht darum, Bauteile so zu gestalten, dass sie sich repro­du­zierbar, kosten­ef­fi­zient und prozess­si­cher herstellen lassen. Im MedTech-Kontext bedeutet das zusätzlich: Das Design muss vali­dierbar sein. Jede Tole­ranz, jede Mate­ri­a­l­wahl, jeder Fügevor­gang muss doku­men­tiert und nach­weisbar beherrscht werden können.

Was DfM von seinem Pendant in der Konsumgüterin­dus­trie unter­scheidet, ist diese regu­la­to­ri­sche Dimen­sion. Ein Smart­phone-Gehäuse darf im Laufe der Seri­en­pro­duk­tion leicht ange­passt werden. Ein Implantat oder ein diagno­s­ti­sches Gerät nicht – zumin­dest nicht ohne formalen Änderungs­pro­zess, der erneute Veri­fi­ka­ti­ons­schritte und im schlimmsten Fall eine Neuein­rei­chung bei Benannten Stellen nach sich zieht. Desi­gnent­scheide im MedTech haben eine deut­lich längere Halb­werts­zeit. Das macht es umso wich­tiger, sie von Anfang an richtig zu treffen.

Warum DfM im Medi­zin­pro­dukte-Entwick­lungs­pro­zess so oft unter­schätzt wird

In vielen Entwick­lungs­pro­jekten wird DfM als nach­ge­la­gerte Aufgabe betrachtet: Erst wird das Produkt vollständig desi­gned, dann fragt man den Ferti­gungs­partner, ob er es auch herstellen kann. Das Ergebnis sind oft kost­spie­lige Itera­ti­onen, manchmal sogar funda­men­tale Rede­signs kurz vor der Zulas­sungs­ein­rei­chung.

Der Grund dafür ist struk­tu­rell. Entwick­lungs­teams arbeiten früh unter grossem Druck, einen funk­tio­nie­renden Proto­typen zu liefern. Ferti­gungs­themen wirken in dieser Phase abstrakt. Der Fokus liegt auf Funk­tion, nicht auf Prozess. Doch genau diese Entkopp­lung von Design und Ferti­gung rächt sich später.

Wer in der Soft­wa­re­ent­wick­lung arbeitet, kennt dieses Prinzip unter dem Begriff “Shift Left”: Tests, Qualitätsprüfungen und Sicher­heits­ana­lysen werden bewusst früh in den Entwick­lungs­pro­zess gezogen, weil ein Fehler, der erst in der Produk­tion auftaucht, um ein Viel­fa­ches teurer ist als einer, der bereits in der Konzept­phase entdeckt wird. Im Hard­ware-Engi­nee­ring und insbe­son­dere im MedTech gilt dasselbe Prinzip: Ferti­gungs­themen müssen “nach links” verschoben werden, in die frühen Design- und Konzept­phasen, bevor sich Entscheide verfes­tigen. DfM ist das hard­ware-seitige Äquiva­lent zum Shift-Left-Ansatz.

Struk­tu­rierte Desi­gnpro­zesse wie der Double Diamond geben eine klare Antwort darauf, wo diese Überle­gungen anzu­setzen sind: im zweiten Diamanten, konkret in den Phasen Develop und Deliver, wenn aus Konzepten konkrete Lösungen werden. Wer DfM-Prin­zi­pien erst nach dem Design Freeze einbringt, hat dieses Fenster verpasst.

Was die Situa­tion im MedTech zusätzlich verkom­pli­ziert: Der regu­la­to­ri­sche Rahmen, MDR in Europa, FDA 21 CFR Part 820 in den USA, verlangt nach­voll­zieh­bare Design-Transfer-Prozesse. Das bedeutet, dass nicht nur das Endpro­dukt zulas­sungsfähig sein muss, sondern auch der Weg dorthin lückenlos doku­men­tiert sein muss. Wer DfM erst spät einbindet, hat nicht nur ein tech­ni­sches Problem – er hat ein Doku­men­ta­ti­ons­pro­blem.

Drei konkrete DfM-Hebel aus der MedTech-Praxis

01  Tole­ranz­ma­na­ge­ment von Anfang an

Wer Tole­ranz­ketten erst in der Konstruk­ti­ons­frei­gabe analy­siert, riskiert Nach­kon­struk­ti­onen kurz vor dem Audit. Wir binden Ferti­gungs­partner bereits in der Konzept­phase der Medi­zin­pro­dukt-Entwick­lung ein, das spart Zeit und Überra­schungen. Konkret heisst das: Schon auf Basis von CAD-Entwürfen führen wir gemeinsam mit dem Liefe­ranten erste Mach­bar­keits­ana­lysen durch. Welche Tole­ranzen sind mit welchem Ferti­gungs­ver­fahren wirt­schaft­lich erreichbar? Wo entstehen kriti­sche Fügesi­tua­ti­onen? Diese Fragen lassen sich in der Konzept­phase in wenigen Stunden klären – in der Frei­ga­be­phase können sie Wochen kosten.

02  Mate­ri­a­l­wahl mit Biokom­pa­ti­bilitätsnach­weis nach ISO 10993 im Blick

Nicht jeder Hoch­leis­tungs­kunst­stoff ist ISO-10993-konform. Eine frühzei­tige Mate­ri­a­l­aus­wahl, die Biokom­pa­ti­bilität, Steri­li­sier­bar­keit und Fertig­bar­keit gleich­zeitig berücksich­tigt, verhin­dert Rede­sign-Schleifen. Dabei geht es nicht nur um das Grund­ma­te­rial selbst, sondern auch um Vera­r­bei­tungs­hilfss­toffe, Kleb­stoffe, Beschich­tungen und Farben. Wir haben Projekte erlebt, bei denen ein kosme­ti­sches Desi­gnmerkmal, eine Oberflächen­struktur oder ein Farbton, einen aufwen­digen Biokom­pa­ti­bilitätsnach­weis ausgelöst hat, weil das Pigment nicht doku­men­tiert toxi­ko­lo­gisch bewertet war. Solche Situa­ti­onen sind vollständig vermeidbar, wenn Mate­ri­al­ent­scheide früh mit dem rich­tigen Wissen getroffen werden.

03  Design-FMEA parallel zur Konstruk­tion führen

Viele Teams behan­deln die Design-FMEA als Pflichtübung am Ende. Wir nutzen sie als lebendes Werk­zeug, das verbes­sert nicht nur die Doku­men­ta­tion, sondern das Design selbst. Eine Design-FMEA, die während der Konstruk­ti­ons­phase mitgeführt wird, zwingt das Team, poten­zi­elle Fehler­modi aktiv zu durch­denken. Das führt regelmässig zu Erkennt­nissen, die direkt ins Design zurückfliessen: eine geänderte Geome­trie, die Monta­ge­fehler aussch­liesst; ein redun­dantes Dicht­ele­ment, das die Risi­ko­klasse unter einem kriti­schen Schwel­len­wert hält; eine Beschrif­tung, die verwechs­lungs­re­sis­tenter gestaltet wird.

Der wirt­schaft­liche Aspekt: Rede­signs im MedTech kosten mehr als Zeit

Es ist verlo­ckend, DfM als Mehr­auf­wand zu betrachten, der in frühen Phasen kostet. Die Rech­nung sieht anders aus, wenn man sie über den gesamten Entwick­lungs­zy­klus eines Medi­zin­pro­dukts betrachtet. Eine Studie von Booth­royd Dewhurst, einem der Pioniere der DfM-Metho­do­logie, schätzt, dass rund 70 % der Produk­ti­ons­kosten durch Desi­gnent­scheide fest­ge­legt werden. Im MedTech kommen die Zulas­sungs­kosten oben­drauf: Jede Änderung nach dem Design Freeze zieht im besten Fall eine Veri­fi­ka­tion, im schlech­testen Fall eine erneute klini­sche Bewer­tung nach sich.

Für Unter­nehmen mit begrenzten Entwick­lungs­bud­gets und das betrifft die meisten MedTech-Star­tups und mittelständischen Medi­zin­pro­dukte­her­steller, kann ein vermie­denes Rede­sign den Unter­schied zwischen einem erfolg­rei­chen Markt­ein­tritt und einem ausgeschöpften Kapi­tal­rahmen bedeuten.

Fazit: DfM als stra­te­gi­scher Hebel für die Medi­zin­pro­dukt-Zulas­sung

Zulas­sungs­zeit ist Entwick­lungs­zeit und damit Geld. Wer Design-for-Manu­fac­tu­ring als stra­te­gi­schen Enabler begreift und nicht als Zusatz­auf­wand, gewinnt im MedTech-Wett­be­werb. Nicht weil er Abkürzungen nimmt, sondern weil er smarter baut.

Die gute Nach­richt: DfM erfor­dert keine grossen orga­ni­sa­to­ri­schen Umbauten. Es beginnt mit einer Frage, die in jeder Desi­gnrunde gestellt werden sollte: „Wie wird dieses Bauteil in Serie gefer­tigt, vali­diert und doku­men­tiert?“ Wer diese Frage früh und regelmässig stellt, baut bessere Produkte und kommt schneller auf den Markt.

Wer die eigene Produkt­ent­wick­lung nach dem Double-Diamond-Modell struk­tu­riert, findet DfM bereits als natürlichen Bestand­teil der Develop- und Deliver-Phase vor: Es ist die Frage, die in jeder konver­genten Runde gestellt werden sollte und die im MedTech über Zulas­sungs­ge­schwin­dig­keit und Rede­sign-Kosten entscheidet. Mehr zum Prozess­rahmen in unserem Artikel zum Double-Diamond-Prozess.