Double Diamond im Designprozess
Was ist der Double Diamond im Designprozess? Ein umfassender Leitfaden für Design interessierte
Der Double Diamond ist aus dem Designprozess nicht mehr wegzudenken
Der Double Diamond ist ein bewährtes visuelles Modell, das den modernen Designprozess aufgebaut hat. Dieses Framework hat sich über Jahrzehnte hinweg als unverzichtbares Werkzeug in Service Design, UX Design und Produktentwicklung etabliert. In diesem Artikel erfahren Sie, wie der Double Diamond funktioniert, welche Geschichte hinter ihm steckt und wie Sie ihn in Ihrer Designpraxis einsetzen können.

Was ist der Double Diamond? Die Grundlagen des Designprozessesmodell
Der Double Diamond ist ein visuelles Modell, das den Designprozess in zwei zentrale Diamanten unterteilt: den Problemraum (Problem Space) und den Lösungsraum (Solution Space). Die grafische Einfachheit dieses Modells ist gleichzeitig seine grösste Stärke, denn sie vermittelt ein tiefes Verständnis für die beiden grundlegenden Aktivitäten des Designs.
Was den Double Diamond besonders macht, ist sein Fokus auf beide Seiten der Designarbeit, sowohl die Problemfindung als auch die Problemlösung. Während Designer lange Zeit primär als Problemlöser bekannt waren, hat der Double Diamond diesen Paradigmenwechsel visualisiert und zugänglich gemacht: Moderne Designer sind auch Problemfinder und Forscher.
Dieses Framework eignet sich hervorragend für die Kommunikation von Designprozessen gegenüber Stakeholdern, die mit dem Designprozess nicht vertraut sind. Gleichzeitig ist der Double Diamond so intuitiv, dass ihn viele Praktiker bereits unbewusst anwenden, auch ohne explizit von diesem Modell zu wissen.
Divergentes und konvergentes Denken: Das Herzstück des Double Diamond
Der Double Diamond basiert auf einem fundamentalen Konzept der kognitiven Psychologie. Der Balance zwischen divergentem und konvergentem Denken.

Divergentes Denken ist frei fliessend, nicht linear und wird oft mit Kreativität gleichgesetzt. In dieser Denkweise erkunden Sie mehrere Ansätze und Perspektiven parallel, generieren eine Vielzahl von Ideen ohne sofortige Bewertung und öffnen sich für unerwartete Verbindungen und Möglichkeiten. Der Vorteil liegt in der Offenheit, das Risiko in möglichem Fokusverlust.
Konvergentes Denken ist konzentriert und zielgerichtet. In dieser Denkweise verdichten Sie Erkenntnisse zu präzisen Aussagen, wählen Sie die vielversprechendsten Lösungen aus und strukturieren Sie komplexe Informationen zu verwertbaren Ergebnissen. Konvergentes Denken ist essentiell, um Projekte in umsetzbare Schritte zu überführen, darf aber nicht die explorative Phase ersetzen.

Der Übergang zwischen divergenten und konvergenten Phasen wird oft als „Groan Zone“ (Jammer-Zone) bezeichnet. Eine Phase, in der Teams spüren, dass das kreative Explorieren endet und Entscheidungen getroffen werden müssen. Diese Zone erfordert bewusste Facilitation, Timeboxing und klare Entscheidungsmechanismen wie Voting.

Die Geschichte des Double Diamond
Die Wurzeln des Double Diamond reichen in die Mitte des 20. Jahrhunderts zurück und liegen in Werbung, Kreativitätsforschung und Systemgestaltung.
Alex F. Osborn, Mitgründer der Agentur BBDO und Erfinder des Begriffs „Brainstorming“, entwickelte in den 1940er- und 1950er-Jahren ein diamantenförmiges Modell des kreativen Prozesses. In seinem Buch „Applied Imagination“ stellte er einen Prozess vor, der von einer Phase der Erweiterung zu einer Phase der Fokussierung führt.
Gemeinsam mit Sidney Parnes entstand daraus der Osborn-Parnes Creative Problem Solving Process (CPS), der diese Diamanten weiterentwickelte. Später übertrug der Systemwissenschaftler die Logik von Divergenz und Konvergenz auf Systemdesign und entwickelte 1996 ein Double-Diamond-Modell für soziale Systeme.

Die Weiterentwicklung des Doppeldiamantenmodells geht auf Divergenz-Konvergenz-Ansätze des ungarischen Linguisten und Systemwissenschaftlers Béla H. Bánáthy zurück. Sein 1996 entwickeltes Doppeldiamantenmodell (siehe Abbildung unten) setzte Bánáthy gezielt zur Vermittlung von Systemdesign ein.
Design blickt auf eine lange Tradition zurück, die eng mit dem Systemdenken verknüpft ist. Zahlreiche prägende Industriedesigner des 20. Jahrhunderts, darunter Buckminster Fuller und Victor Papanek, beschäftigten sich intensiv mit Systemen und thematisierten diese auch in Vorträgen. Vor diesem Hintergrund ist es folgerichtig, dass die Systemwissenschaften im Laufe der Zeit einen nachhaltigen Einfluss auf das Design ausübten.
Nigel Cross, Designpädagoge und -forscher, brachte diese Denkweise in den Designkontext ein und zeigte, wie Designer zwischen divergenten und konvergenten Modi wechseln. Das britische Design Council hat in den 2000er-Jahren den Double Diamond als Standardmodell des Designprozesses populär gemacht.
Der Double Diamond in Service Design, UX Design und Produktentwicklung
Mit dem Aufstieg von Service Design in den frühen 2000er-Jahren wurde der Double Diamond zum zentralen Bezugsrahmen dieser Disziplin. Viele Definitionen von Service Design beziehen sich explizit auf die zwei Diamanten.
UX-Designer nutzen den Double Diamond als Standardprozess für nutzerzentriertes Arbeiten und Product Manager haben ihn als Struktur für Product Discovery übernommen. In der Produktentwicklung dient das Modell dazu, die Problemfindung bewusst vor die Lösungsentwicklung zu stellen. Der Double Diamond ist damit nicht auf eine bestimmte Rolle, sondern für alle relevanten, die systematisch Probleme verstehen und Lösungen entwickeln wollen.
«Hätte ich eine Stunde Zeit, um ein Problem zu lösen, würde ich 55 Minuten über das Problem nachdenken und 5 Minuten, wie ich es löse.»
Albert Einstein
Der Problemraum: Das richtige Problem lösen
Der erste Diamant wird Problemraum oder Research-Diamant genannt. Hier geht es darum, zu erkunden, zu synthetisieren und das eigentliche Problem zu definieren.

Bevor Sie eine Lösung entwerfen, müssen Sie das Problem tief verstehen. Innovative Lösungen entstehen nicht durch spontane Eingebung, sondern durch systematisches Verstehen von Kontext, Nutzern und Systemen. Der Problemraum macht diese Arbeit sichtbar und legitimiert Forschung als integralen Teil des Designs.
Die Arbeit im Problemraum ist so komplex, dass sich eigene Rollen wie UX Research, Service Research oder Strategic Design darauf spezialisieren. Diese Tätigkeiten konzentrieren sich darauf, Muster, Ursachen und Bedürfnisse hinter beobachteten Symptomen zu erkennen.
Der Lösungsraum: Das Problem richtig lösen
Der zweite Diamant, der Lösungsraum, wird oft als Implementierungs-Diamant bezeichnet. In dieser Phase übersetzen Sie Erkenntnisse in konkrete Lösungen, validieren diese und führen sie in den Markt.

Im Lösungsraum werden Ideen durch Prototypen greifbar gemacht, Annahmen mit Nutzern getestet, iterativ verbessert und schliesslich skalierbare Lösungen vorbereitet. Die Qualität dieser Phase hängt stark von der Klarheit der vorangegangenen Problemdefinition ab.
Auch hier gibt es Spezialdisziplinen wie Industrial Desing, UI Design, Interaction Design oder Visual Design, die sich auf die Ausgestaltung und Detaillierung von Lösungen fokussieren. Sie sorgen dafür, dass das „richtig“ definierte Problem auch „richtig“ gelöst wird.
Die vier Phasen des Double Diamond

Das Modell unterteilt den Prozess in vier Phasen:
- Entdecken (Discover)
- Definieren (Define)
- Entwickeln (Develop)
- Umsetzen (Deliver)
Entdecken: Ziel ist es, sich durch Forschung vollständig in das Problem einzutauchen. Typische Aktivitäten sind Stakeholder-Interviews, Nutzerforschung, Desk Research, Feldstudien und Kontextanalysen.
Definieren: Die gesammelten Daten werden analysiert, gruppiert und in eine prägnante Problemdefinition überführt. Methoden wie Affinity Mapping, Customer Journey Mapping oder Root-Cause-Analysen kommen hier zum Einsatz.
Entwickeln: In dieser Phase werden möglichst viele Lösungsideen generiert. Ideation-Workshops, Sketching, Prototyping und Co-Creation mit Stakeholdern helfen, den Lösungsraum zu öffnen.
Umsetzen: Die vielversprechendsten Lösungen werden getestet, verfeinert und zur Umsetzung vorbereitet. Dazu gehören Usability-Tests, Pilotprojekte, technische Umsetzung und der Launch.
Der Prozess ist nicht streng linear; in der Praxis wird häufig zwischen den Phasen iteriert, wenn neue Erkenntnisse entstehen oder Annahmen sich als falsch erweisen.
Doppel-Diamant und Design Thinking
Double Diamond und Design Thinking werden oft verwechselt, weil beide Modelle einen mehrstufigen, nutzerzentrierten Prozess beschreiben. Design Thinking wird häufig in fünf Schritte unterteilt (z. B. Empathize, Define, Ideate, Prototype, Test) und wurde stark durch Stanford d.school und IDEO geprägt.

Der Double Diamond versteht sich eher als offenes Modell, das Divergenz und Konvergenz hervorhebt und sich nicht auf eine bestimmte Anzahl von Methoden oder Workshop-Formaten festlegt. Während Design Thinking oft als leicht vermittelbares Schulungsformat für Nicht-Designer genutzt wird, ist der Double Diamond stärker als Struktur für kontinuierliche Designpraxis konzipiert.
Der Double Diamond als Modell, nicht als Rezept
Ein wichtiger Punkt: Der Double Diamond ist eine Denk- und Kommunikationshilfe, kein Starres Rezept. Die Phasen geben Orientierung, aber keine Checkliste, die immer gleich abgearbeitet werden muss.
Realistische Designprozesse verlaufen selten perfekt linear. Teams springen zurück in die Research-Phase, wenn neue Fragen auftauchen, oder erweitern den Lösungsraum erneut, wenn Tests zeigen, dass eine Idee nicht trägt. Das Modell hilft, diese Bewegungen verständlich zu machen, ohne sie zu normieren.
Praktische Anwendung in der Zusammenarbeit
Für Design-Teams hilft der Double Diamond, Projekte zu strukturieren, Erwartungen zu verwalten und Stakeholdern klar zu zeigen, warum Recherche und Exploration Zeit brauchen. Für Product Owner und Führungskräfte bietet das Modell eine Roadmap, um Budget, Zeit und Entscheidungen gezielt entlang der Phasen zu planen.
Teams können den Double Diamond als visuelle Sprache nutzen: Wo stehen wir? Divergieren wir gerade oder konvergieren wir? Brauchen wir mehr Forschung oder sind wir bereit zu entscheiden?
Weiterentwickelte Varianten des Double Diamond
In der Praxis wurden verschiedene Varianten entwickelt, etwa ein Triple Diamond mit zusätzlichem Fokus auf Implementierung und Skalierung oder Modelle, die Double Diamond mit agilen Frameworks verknüpft. Es existieren auch anwendungsspezifische Versionen für Social Innovation, Nachhaltigkeit oder komplexe Systeme.
Diese Weiterentwicklungen zeigen, dass der Double Diamond ein lebendiges Konzept ist, das sich an unterschiedliche Kontexte anpassen lässt, ohne seinen Kern, die Balance aus Divergenz und Konvergenz, zu verlieren.